Meine Eltern

 

Inspiriert von dem so herzlichen Kommentar der lieben Anne, möchte ich heute mal wieder etwas über meine Eltern erzählen. Ich hoffe, ihr habt Lust darauf und freut euch über ein paar emotionale Zeilen.


Wenn du in einem behüteten Zuhause aufwächst, sind deine Eltern „Helden“ für dich. Sie sind allwissend, geben dir vor, was richtig und was falsch ist, sie prägen dich und du lässt nichts auf sie kommen. Eines Tages aber ändert sich dieses Bild, denn du entwickelst deine eigene Meinung und entthronst deine alten Herrschaften damit. Das beginnt spätestens in der Pubertät, wo du so gut wie niemanden mehr verstehst. Auch bei mir war das nicht anders. Trotzdem sind meine Eltern für mich aber immer etwas ganz Besonderes geblieben und auch Helden. Nur warum?

Fangen wir bei meiner Mutter an. Sie war Lehrerin und wenn es um die Schule ging, eine äußerst strenge Frau. Lernen stand für sie an oberster Stelle und manchmal, ich gebe es zu, habe ich sie dafür verflucht. Gleichzeitig war meine Mama aber auch ein echter Herzensmensch und das durch und durch. Ihr eigenes Glück stellte sie immer hinten an. Zuerst kamen für sie die Anderen, dann sie selbst. Besonders an Weihnachten sah und erlebte man das, denn sie las wirklich jedem seine Wünsche von den Augen ab und erfüllte sie. Oh, was war Weihnachten in Bremerhaven für ein herrliches Fest. 

Im Sommer übte sie sich ebenfalls in ihrer typischen Zurückhaltung. So erforschte sie in den großen Ferien keine fremden Länder, sondern sie reiste mit dem Auto drei lange Tage in die Heimat meines Vaters, nur damit er seine Familie sehen konnte und das Jahr für Jahr. Sie stellte keinerlei Forderungen und meckerte nicht einmal, wenn sie im Ferienhaus mit in der Küche helfen musste. Für meinen Vater machte sie das gerne, denn sie liebte ihn und das von ganzem Herzen. Als plötzlich mit mir auch noch ein Kind da war, sorgte sie dafür, dass es dieses im Auto so schön, bequem und gemütlich hatte, wie nur möglich. Sie las mir Märchen vor, wir spielten zusammen und ganz ehrlich, ich liebte die Fahrten ins entfernte Athen. Für mich waren sie ein Abenteuer. Meine Mutter betrachtet sie allerdings mit deutlich mehr Skepsis. Es war ein nicht ungefährliches Unterfangen, eine so lange Strecke zu fahren und das durch Gebiete, die bisweilen nur kaum ausgebaut oder gar touristengerecht gewesen wären. Das kommunistische Jugoslawien löste bei ihr eine regelrechte Angst aus und so manche Bilder, die man unterwegs sah, gaben dieser auch recht. Sogar in Griechenland selbst tickten die Uhren anders, hatten und haben die Menschen hier doch eine ganz andere Mentalität und nimmt das Leben hier nicht selten Züge an, die man in Deutschland so gar nicht kennt. Genau davor hatte meine Großmutter sie immer gewarnt. Als meine Mama sie in den 60er-Jahren mit damit konfrontierte, einen Griechen heiraten zu wollen, war meine Oma entsetzt. Für ihre geliebte Tochter hatte sie doch andere Pläne und Wünsche gehabt, als sie in die Hände eines Hellenen zu übergeben. Meine Mama aber ließ sich nicht beirren. Sie hielt an meinem Papa fest und als man ihr von kirchlicher Seite den Segen verweigerte, wendete sie sich in ihrer Not an die Heilsarmee, die sie mit offenen Armen empfing, so wie meinen Vater übrigens auch.

Was könnte ich nicht alles von dieser wunderbaren Frau schreiben? Hunderte Seiten könnte ich füllen und doch hätte ich nicht mal im Ansatz alles von ihr erzählt. Fakt ist aber, in diesem kurzen Abschnitt wird schon deutlich, was meine Mama war und bis heute für mich ist. Ihr Leben ist ein Vorbild für mich selbst. So heißt auch meine Devise: „Freue dich mit Anderen und bleibe dir dabei treu“.


Meine Mama war eine Heldin und ein Mensch, dem ich unendlich viel zu verdanken habe. Ich vermisse sie und verneige mich beim Schreiben dieser Zeilen in meinem Herzen vor ihr.

Ja und mein Vater?

1959 verließ er seine Heimat. Von Athen aus ging es in die Fremde, irgendwo hin, ohne festes Ziel und das nur aus einem einzigen Grund, nämlich um die Familie daheim unterstützen zu können. So kam er dann in Deutschland an, wo er meine Mutter kennenlernte. Mit seiner südländisch strengen und maskulinen Art verzauberte er sie nicht nur, er schloss auch die riesige Lücke, die ihr im Krieg gebliebene Vater bei ihr zurückgelassen hatte. Die Ehe meiner Eltern war voll an Emotionen und immer wieder davon geprägt, dass mein Vater sich als Grieche in Deutschland beweisen musste. Allen voran bei meiner Oma hatte er es schwer. Sie akzeptierte und respektierte ihn erst, als der Schwager meiner Mutter ein Machtwort sprach, das sich gewaschen hatte. 

Als ich geboren wurde, war das Glück meiner Eltern perfekt und ich lüge nicht, wenn ich sage, ich hatte den besten Papa auf der ganzen Welt. Er tat alles für mich, machte mit mir jede Kirmes unsicher und überhäufte mich mit Geschenken. Es war wunderbar. Aber er konnte auch anders. Wenn er sich als Mann oder Autorität nicht richtig verstanden fühlte, wurde er äußerst streng und bisweilen sogar richtig wütend. Dieser Zorn traf dann nicht nur meine Mama oder mich, sondern jeden in seinem Umfeld. Heute denke ich, dass er sich in solchen Situationen oft wahnsinnig alleine und einsam gefühlt hat.  Immerhin war Griechenland damals noch unendlich weit entfernt. Wenn er die Stimmen seiner Familie hören wollte, musste er dafür über Stunden am Telefon sitzen, immer wieder wählen und auf eine freie Leitung hoffen. Trotzdem hat er sich nie unterkriegen lassen. Ganz im Gegenteil. Er hat sich aufgeopfert und das in vielen Dingen, die hier den Rahmen einfach sprengen würden, wenn ich sie erzählte. Allerdings gab es im Verhältnis zwischen meinem Papa und mir einen wichtigen und entscheidenden Wendepunkt, der hier dann doch unbedingt zu erwähnen ist. Als in den 90er-Jahren das ehemalige Jugoslawien zerbrach und dort der Krieg regierte, war die alte Route nach Griechenland urplötzlich nicht mehr befahrbar. Etwa zur selben Zeit zog das Internet in die ersten Häuser ein, auch bei uns. Mit einem Modem verband ich mich mit AOL und als einige Jahre später mit MP3, Musik herunterladbar wurde, gab es für mich kein Halten mehr. Ich hatte einen Weg gefunden, meinem Vater sein Griechenland zurückzubringen, wenn auch in ganz anderer Form. Nun saß mein Papa des Abends oft noch bei mir im Zimmer. Er hockte auf meinem Bett, lauschte mit mir zusammen den Klängen aus dem Computer und er erhob seine Arme, um mitzutanzen. Ich glaube, in diesen Jahren habe ich Griechenland noch einmal neu lieben und zu fühlen gelernt.

Damals habe ich für mich begriffen, wie wertvoll und was für ein Geschenk es ist, ein Kind zweier Kulturen zu sein, und damals wurde ich durch all die Musik, die da in meinem Zimmer spielte, immer mehr im Herzen zum Griechen.

Meine Eltern waren in vielen Dingen grundverschieden. Und doch fanden sie füreinander immer wieder die richtige Ebene und den nötigen Mittelweg, um glücklich zu sein. Was für ein wunderbares Vorbild. Ja und in den zwei vielleicht wichtigsten Punkten, da tickten sie komplett gleich. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter glaubten an Gott. Sie war Baptistin, er griechisch-orthodox. Das hat mich geprägt und eine Zuneigung zu beiden Kirchen bei mir gefördert. Außerdem galt die Familie für sie alles. Bei meinem Vater konnte man das gleich in zwei verschiedenen Situationen sehen und feststellen. 

Als ich zur Welt kam, waren die Fronten zwischen Griechenland und der Türkei so massiv wie seit dem Krieg beider Länder nicht mehr. Die Türken hatten Teile der Insel Zypern besetzt und meinem Vater war klar, wenn es einmal hart auf hart kommen würde, müsste ich als Soldat nach Griechenland. Für meine Eltern unvorstellbar. Also nahm mein Vater aus Liebe zu mir die deutsche Staatsangehörigkeit an, was alles andere als einfach und mehr als kompliziert war.

1989 erkrankte meine Oma schwer. Sie wurde dement und musste fortan bis zu ihrem Tod (1 ½ Jahre später) gepflegt werden. Es war eine harte Zeit, in der guter Rat teuer war und als ihre Kinder ihr offenbarten, sie müsse wohl eines Tages in ein Heim, da saß sie wie versteinert auf ihrem Sofa im Wohnzimmer. Sie sagte kein Wort und sie kam mir vor, wie eine Angeklagte, über die man gerade Gericht gehalten hatte. Ich werde diesen Tag wohl nie vergessen. Das Gespräch war fast schon am Ende; meine Mutter von den Ereignissen völlig überrollt und schockiert, da schlug urplötzlich mein Papa mit der Faust auf den Tisch. „Die Oma geht nirgendwo“, sagte er und das mit einer Stimme, die einem wirklich das Fürchten lehrte. „Wir pflegen sie und benötigen keine Hilfe“, setzte er fort. Na und genauso kam es dann auch. Der Mann, der ihr so verhasst war, rettete sie an diesem Abend vor dem Heim und sie starb 1990 an ihrem eigenen Tisch, kurz nach dem Abendessen.

Oft schimpfen wir auf unsere Eltern. Wir empfinden sie als Belastung oder Problem, doch wenn sie einmal nicht mehr sind, wird uns klar, was sie in ihrem Leben geleistet und was wir ihnen zu verdanken haben. Somit bleibe ich dabei. Meine Eltern sind meine Helden und ich wäre nicht das, was ich heute bin, wenn ich sie nicht gehabt hätte. Ich danke ihnen.


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